Montag, 9. März 2015

Dem Leben entgegen laufen

Ich laufe selbst. Seit 15 Jahren regelmäßig. Und doch käme ich nie auf die Idee, die Marathonstrecke zu wagen. Barbara hat sie gewagt. Denn die MS-Diagnose hat der 31-Jährigen eines gelehrt: Wenn man etwas im Leben versuchen will, dann ist JETZT genau der richtige Zeitpunkt.

Der Weg ist das Ziel, auch wenn der Weg
 42,19 km lang ist: Barbara läuft
seit ihrer MS-Diagnose Marathon

Diagnose änderte ihre Sicht aufs Leben

Es war im August 2012. Da brach Barbaras Welt zusammen. Sie war beim Arzt, weil sie fast kein Gefühl mehr an den Armen und Beinen hatte. "Ich spürte praktisch nichts mehr, fühlte mich wie in Styropor gepackt". Und sie bekam die Diagnose: MS. "Die teilte mir der Arzt in der Radiologie nach dem MRT mit, so nebenbei, als ob das keine Auswirkungen hätte. Und dann entließ er mich." Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich im Rollstuhl und als Pflegefall. "Ich fragte mich, ob das jetzt mein Leben gewesen sein soll. Dabei wollte ich noch so viel erleben, und jetzt würde ich die Zeit nicht mehr dazu haben." Sie fühlte sich wie abgetrennt von ihrem Leben, statt in Farbe sah sie alles in Grau-Tönen. Sie musste ihre geliebten Volleyball-Sport aufgeben, weil die Symptome sie am Spielen hinderten.


Hilfen aus dem Tief

Herausgeholfen haben ihr die Familie, ihre Freund, die Kollegen und ihr Hausarzt. Vor allem aber ihr Willen. "Ich hatte immer schon viele Ziele, war aber oft zu träge, diese umzusetzen, verschob sie auf Morgen auf Übermorgen", erzählt sie mir. "Die Diagnose hat mich daran erinnert, dass man nicht ewig Zeit hat." Und sie begann zu laufen. "Nein, ich lief der MS nicht weg", fügt sie lachend hinzu. "Ich wollte, ich musste einfach etwas tun, wollte der Erkrankung nicht die Allmacht über mein Leben überlassen, wollte nicht, dass mir die Zeit davon läuft, also lief ich selbst." 



Laufen als Therapie

Sport: Ja oder Nein? Der Neurologe Prof. Dr. Martin Marziniak, Chefarzt am Isar-Amper-Klinikum München-Ost erklärt, was wie gut tut

 


Neben der Arbeit begann sie mit der Halbmarathon-Distanz, trainierte mit erfahrenen Läufern und einem Triathlontrainer. Nach dem ersten Halbmarathon, den sie schaffte, hörte sie den Satz: "Weißt Du, was mich an einem Halbmarathon stören würde? Das Halb." Damit hatte sie ein neues Ziel: die volle Distanz über 42,19 Kilometer zu schaffen. Dass sie aufgrund der MS Sensibilitätsstörungen in den Händen und Füßen hat, Probleme mit dem Gleichgewicht und Sehstörungen hielten sie nicht zurück. "Ok, es kommt immer wieder vor, dass ich irgendwelchen seltsamen Ausfallschritte mache oder einen Mitläufer anstoße, ich bin während eines Laufes auch schon der Länge nach hingefallen, aber das versuche ich sportlich zu nehmen, konzentriere mich, stehe auf und dann geht´s weiter." Marathon, das ist für sie viel mehr als ein Sport: "Die Strecke ist lang, verlangt dir viel ab, man kämpft bis zur Ziellinie. Wie bei der MS. Da kämpft man auch, gegen die Krankheit, manchmal auch gegen sich selbst. Aber am Schluss ist man immer der Gewinner." Ihre Augen leuchten, als sie mir das erklärt. Sie wollte sich selbst beweisen, was möglich ist, meldete sich zum Paris-Marathon an.


Marathon de Paris

38.674 Läufer kamen am Ziel, dem Arc de Triomphe, an

"In der Nacht vor dem Rennen habe ich mich gefragt, was ich da eigentlich tue und mich darauf eingestellt, dass ich auch versagen könnte. So einen Durchhänger hatte ich in der ganzen Vorbereitung nicht. Aber dann am Morgen, auf dem Weg zur Startlinie an der Champs Elysées, überkam mich eine große Gelassenheit und auch Freude: Die Sonne, die schon aufgegangen war, die kühle, frische Luft, und die Menschen um mich herum, die alle auf ihre Art und Weise ebenfalls aufgeregt waren. Beim Start fiel alle Anspannung von mir ab und ich wusste schon auf den ersten Metern, dass ich es schaffen würde."

Wenn Barbara von dem Paris-Marathon erzählt, redet sie mit Händen und auch mit den Augen. In ihnen spiegelt sich auch heute noch, fast ein Jahr nach dem Lauf, diese unbändige Lust und Energie. Und das Erfolgserlebnis, nicht aufgegeben zu haben.
"Ab Kilometer 25 hatten sich meine Sensibilitätsstörungen verstärkt und ich war bis zu den Oberschenkeln taub. Ich habe innerlich kurz geschrien und mir gedacht: doch nicht schon bei Kilometer 25."


Du wirst es schaffen

Im richtigen Rhythmus: Barbara in Paris

Motiviert durchzuhalten haben sie die Läufer um sie herum. Jeder hat gekämpft. "Manche standen mit Krämpfen am Straßenrand und da habe ich mir gedacht, aufgeben kann ich immer noch, aber erst mal laufe ich weiter." Bei Kilometer 40 hat ihr ein älteres Paar zugerufen "Tu vas le-faire!" Dieses Du-wirst-es-schaffen hat ihr richtig Kraft geben und sie hat die volle Distanz geschafft. "Das war wichtig für mich", erklärt Barbara. "Wichtig und richtig" ergänzt sie. Denn sie hat sich selbst gezeigt, dass nicht die MS, sondern sie selbst die Regie über ihre Leben hat, dass sie im JETZT Ziele erreichen kann. 

"Etwas zu erzwingen klappt nicht, das ist mir auch klar geworden", erklärt sie. "Man muss sich nicht zwingen, sondern auf seinen Körper hören. Volleyball funktionierte bei mir nicht mehr, ich quälte mich nur noch. Und das ist nicht nötig. Denn man findet Alternativen, vorausgesetzt man sucht danach." 




Kommentare:

  1. Wow! Eine Frau, ein Weg. Und was für einer. Wenn du das schilderst, sitzt man fast daneben. Lebendig ist die Schilderung, wie Barbara selbst. Klasse Mutmachergeschichte! Und gute Botschaft: Nicht jede(r) muss Marathon laufen, aber angemessen unterwegs sein hilft, auch vermeintlich Unmögliches zu schaffen.

    AntwortenLöschen
  2. Man muss sich zu nichts zwingen, schon gar nicht zum Laufen. Was ich davon mitnehme: sich Ziele setzen und an sich glauben

    AntwortenLöschen

Bitte beachte die Netiquette. Und bitte ein paar Augenblicke Geduld. Denn eingehende Kommentare werden vorab geprüft. Nicht auf Inhalt, sondern auf Form und Nettiquette: Denn KRITIK und ANREGUNGEN sind erwünscht :-)